BILDERSERIE ZUM ERSTEN WELTKRIEG 1914/18

HINTERGRUND ZUR BILDERSERIE ZUM ERSTEN WELTKRIEG 1914/18
Eigene Kriegserlebnisse im März 1945
Das Sammelalbum „Der Weltkrieg“, herausgegeben vom Cigaretten- Bilderdienst Dresden U1, 1937

Wie trügerisch ein sonniger, wolkenloser blauer Himmel sein kann, erlebte ich als sechsjähriger Junge nachmittags am Palmsonntag, am 25. März 1945 im kleinen Dorf Angelmodde, als unerwartet US-Bomberverbände den letzten Tagesgroßangriff auf das 7 km entfernte Münster flogen. Von weitem zunächst ein interessanter Anblick. Mein Vater war als Unteroffizier bei der FLAK in Münster-Gievenbeck zur Abwehr stationiert. Für uns – meine Mutter, meinen Bruder und mich – bot ein kleiner Unterstand unter einem aufgeworfenen Erdhügel am Ufer des Werse-Flusses vor unserm Behelfsheim gedachten Schutz.

Aus dem sackverhangenem Erdloch waren der blaue Himmel und die Sonne nur noch spärlich zu sehen. Das ferne und immer näher kommende Dröhnen der Bomber und die dumpfen Explosionen des Bombardements erzeugten zunehmend ein lähmendes Angstgefühl, das im Körper für immer abrufbar gespeichert blieb. Vier detonierende Bombeneinschläge nahe unserem Haus – entlang der anderen Flussuferseite – galten uns und unseren Nachbarn. Die alliierte Luftaufklärung hatte offenbar die vier flachen Behelfsheimhäuser entlang der Werse als Barackenunterkünfte der in Angelmodde stationierten FLAK-Einheit angesehen. Durch den schmalen Spalt des sackverhangenen Unterstandes erkannte ich die von der Detonation senkrecht hochgeschleuderte dunkle „Lehmgardine“, an den Füssen und Ohren vernahm ich das durchdringende und in hoher Tonlage vibrierende Singen der Erde.

Noch wenige Tage vor dem Näherücken der Front konnte ich dabei sein, wie junge SS-Rekruten in grün- schwarzen Tarnanzügen – bewaffnet mit hölzernen Schein-Handgranaten – auf dem Rübenfeld hinter unserem Haus ein Nahkampf-Manöver durchführten. Sie posierten dann auf dem Hügelchen unseres Unterstandes siegessicher mit ihren Holzhandgranaten. Zerstörtes schweres Kriegsgerät, z.B. ein liegengebliebener deutscher Panzer – in den letzten Stunden als Abwehrkanone eingesetzt – hatte noch über lange Zeit auf uns Kinder eine magische attraktive Anziehungskraft, etwas Dramatisches und Trauriges.

Als ich in den 1980er Jahren per Zufall erstmalig das Sammelalbum „Der Weltkrieg“ mit den eingeklebten kolorierten Fotobildchen über den Ersten Weltkrieg zu Gesicht bekam, fiel mir das Unwirkliche der dort dargestellten Kriegsgeschehnisse und das typisch Verführerisch-Trügerische der allgemeinen Militär-Aesthetik auf.
Vergleichend tauchten Bilder und Situationen auf, wie ich sie zum Teil analog auch als Kind im Zweiten Weltkrieg erlebt hatte – z. B. im März 1945. Spontan kam die Idee, zu den „Kriegsbildchen“ eine interpretierende Paraphrase in Form großflächiger Malerei zu schaffen und wählte sechs Sammelbildchen aus, nach denen auch die Bilder betitelt wurden.

Ausgewählte Sammelbildchen:

  • Bild 46 „Deutsche Funkstation“
  • Bild 129 „Kostbarer Kompaniebesitz“
  • Bild 161 „Erbeutetes italienisches schweres Geschütz“
  • Bild 166 „Leichte Funkstation” (zwei Soldaten in Tarnuniform auf einem Tandem ohne Räder sitzend durch Pedalantrieb Strom erzeugen, in einer eigentlich friedlich anmutenden weiten Landschaft unter trügerischem Blau des Himmels. Erinnerung an den trügerisch-blauen Himmel des Palmsonntags im letzten Kriegsjahr 1945 beim Tagesgroßangriff auf Münster. Im Bild 166 gleichzeitig auch etwas Lächerlich-Komisches: die in die Pedale tretenden Soldaten auf dem stehendem Tandem in weiter Landschaft. Erinnerung an das Lächerlich-Tragische beim Manöver der SS-Rekruten mit den hölzernen Handgranaten hinter unserem Haus.)
  • Bild 191 „Rücktransport der Verwundeten“
  • Bild 204 „Deutscher Sturmwagen“ (wiederum unter trügerisch-blauem Himmel, schweres Gerät mit diabolisch-martialischer Attraktivität – besetzt mit kampfmunteren Soldaten in Siegesgewissheit, ähnlich wie die in Tarnanzügen posierenden jungen SS-Rekruten auf unserem kleinen „Feldherrnhügel“ im Garten von Agelmodde.)

Gezeigt wurden die Bilder:
1984 in der Galerie am Savignyplatz, Berlin
1984 auf der Art Cologne, Köln
1986 in der „Galerie S“ der Stadtsparkasse Münster
2003 in der Galerie am Savignyplatz, Berlin



Kommentare sind geschlossen.